Naturkost Kontor Bremen NKK

Interview Ernst Röhrs

Interview mit Gesellschafter

Ernst Röhrs

Auehof Reese
Reese 5
31595 Steyerberg
www.auehof-biogemuese.de

Der Auehof Reese befindet sich im Steyerberger Ortsteil Reese. Der Güterkomplex wird schon 1241 in alten Urkunden erwähnt. Ernst Röhrs stellte den Hof 1987 auf kontrolliert biologische Landwirtschaft um und schloss sich dem Bioland Verband an. Ernst hat das Naturkost Kontor nicht nur 1991 mitgegründet und ist bis heute aktiver Gesellschafter, er ist auch einer unserer Hauptlieferanten. Seit nunmehr 30 Jahren versorgt der Auehof Reese das NKK und seine Kundinnen und Kunden mit Zwiebeln, Kartoffeln, Möhren, Kohl, Schwarzwurzeln, Kürbis, Rettich, Steckrüben, Sellerie, Pastinaken und Petersilienwurzeln.

Haben wir noch etwas vergessen, Ernst?

Ernst: (lacht) Ja! Brokkoli, Gelbe Bete und Rote Bete!

NKK: Stimmt! Erzähl mal, wie war das als Du den Hof Deiner Eltern übernommen hast.

Der Hof hatte damals knapp 40 Hektar. Meine Eltern haben damals Schweinezucht und Schweinemast gemacht, das sogenannte geschlossene System. Sie haben Getreide angebaut und das Getreide an die eigenen Schweine verfüttert.Damals gab es aber noch viel mehr Höfe, jetzt gibt es nur noch ein paar große. Schweinemast ist hier nach wie vor ein großes Thema, weil hier wenig Grünland ist und Rindvieh daher keine große Rolle spielt. Dann baut man lieber Getreide als Viehfutter an. Getreide um es als Brotgetreide zu verkaufen ist sehr viel anspruchsvoller, das wird auf anderen Böden angebaut. Man nennt das „Veredelung“, der Begriff kommt aus den 1950er- Jahren, Getreide wird zu Fleisch „veredelt“.

Du bist auf dem Hof groß geworden. Wolltest Du schon immer Landwirt werden?

Nein, eher im Gegenteil. Als Jugendlicher war mir das immer eher peinlich vom Hof zu kommen. Die Landwirtschaft hatte keinen guten Ruf. Ich war meinen Eltern sehr dankbar, dass ich Abitur machen durfte. Ich wollte den Hof nicht übernehmen, weil mir das mit dem Spritzen nicht geheuer war. Meine Mutter hatte einen sehr schönen Gemüsegarten und da durfte nicht gespritzt werden, das hat sie immer extra betont. Mein Vater war immer sehr genau, er wollte immer alles besonders sauber haben und hat lieber nochmal ein Mittel mehr gespritzt um sicher zu gehen. Das erschien mir schon als Widerspruch, aber damals wusste ich noch nichts von „Bio“. Erst an der Uni hörte ich in den Umweltgruppen von „Bio“-Anbau. Dann hab ich mir ein paar Höfe angeguckt, Pionierhöfe. Und die haben mich überzeugt, den Schritt zu wagen. Zum Glück! In der Stadt hab ich mich nämlich nicht so wohlgefühlt. Viele Themen mit denen sich die Menschen beschäftigen, erschienen mir schon damals als nicht die wirklichen Probleme, die drängend sind im Leben.

Mein Vater hat mir dann ein Viertel seiner Fläche verpachtet. Die schlechtesten Böden von seinem Hof! Damals gab es dann zum Glück bei uns schon sehr große Nachfrage nach meinem ersten Getreide und meinen ersten Möhren, ein Bio-Bäcker und das Reformhaus „Eden“ haben mir direkt meine Ware abgenommen. Ich hab mich dann auch getraut, mal andere Wege zu gehen. Nicht wie sonst üblich über eine Genossenschaft sondern direkt, und ich hab auch nicht nur Getreide angebaut sondern auch mal was anderes versucht bei uns, Kartoffeln zum Beispiel. Obwohl wir immer dachten: „Auf unseren Böden geht das nicht.“ Ich war dann erfolgreicher damit, als meine Eltern und die Nachbarn vermutet hatten. 1987 hat mein Vater mir dann den gesamten Hof verpachtet. Dann hab ich sofort alles umgestellt auf Bio und die Tiermast bei uns auf dem Hof abgeschafft. Ferkelerzeugung hätte mir zwar schon Spaß gemacht, aber Bio und Fleisch war zu der Zeit ein Widerspruch an sich. Ich sah null Chance darin, Biofleisch zu verkaufen.

Was hat denn die Dorfgemeinschaft dazu gesagt, dass es jetzt einen Bio-Bauern gab?

Im Hintergrund haben die anderen schon die Flächen meines Vaters unter sich aufgeteilt. Alle dachten „Das geht jetzt zwei Jahre gut und dann kriegen wir die Flächen“. Ich war ja immer auch ein bisschen Außenseiter damals, hatte lange Haare und studiert, grüne Ideen im Kopf, ich war so ein bisschen der Spinner. „Lass ihn das mal machen und dann ist er irgendwann pleite“ wurde gesagt. Das kam dann glücklicherweise anders! Nach fünf Jahren, wenn ich mich richtig erinnere, kam ein Nachbarbauer her und meinte „Dat löpt ja, dat löpt bei Dir!“ Da hab ich mich schon gefreut. Ich denke aber auch, dass ich einen  leichteren Stand hatte, als wenn ich ganz neu dazu gekommen wäre ins Dorf. Nachdem dann alle gesehen haben, dass ich nach zwei Jahren nicht pleite war und auf meinen Feldern was wuchs und ich auch Mitarbeiter einstellte und ein paar Maschinen kaufte, waren dann die Zweifel ausgeräumt. Obwohl es dann auch sehr lustig war, es war dann keine allgemeine Anerkennung, dass „Bio“ funktioniert. Es hieß jahrelang „Ja, bei dem Röhrs, da läuft das mit dem Bio, aber ansonsten, anderswo, funktioniert das nicht!“

Stimmt das? Hat es bei Dir besser funktioniert?

Die ersten Jahre hatte ich Glück. Da hatte ich noch keine Beregnung, nichts, aber es ist glücklicherweise alles gewachsen, da hat es immer noch genug geregnet. Das kam erst so in den 1990ern, dass es einfach trocken blieb und trockenere Sommer dabei waren. Und die Böden spielen eine sehr wichtige Rolle, gerade für Gemüse. Wir sind hier an einem sehr guten Standort, weil wir an Böden fast alles haben, leichte Sandböden, gut zu bearbeitende Böden, Marschböden am Rand der Wesermarsch, das hab ich schnell gemerkt. Ich hatte mich ja auf Lagerhaltung, auf Wintergemüse spezialisiert und – das hat mir Heino Cordes damals beigebracht, sein Hof liegt ja in der Marsch – und er hat immer gesagt „Was Du in die Kühlung packst, was Du lagern willst, das muss vom Marschboden kommen.“ Nun hatten wir aber nicht so viel Marschboden, aber über die Jahre habe ich viel Marschböden zusammengepachtet. Am Anfang hab ich mich das nicht so getraut, weil die Pacht so hoch ist. Heute ist es so, dass wir im Frühjahr auf den leichten, sandigen Böden, die schnell entwässern, den Frühanbau machen und alles andere kommt von den schweren Böden ins Lager. Möhren die ins Kühlhaus kommen, wachsen im Marschboden. Die frühen Möhren kommen vom Sand. Wenn man Möhren vom sandigen Boden wäscht, dann wird die Möhre verletzt und grau. Winzige Fetzen der Epidermis, die durch die Sandkörner angegriffen wird, verursachen diesen Grauschimmer. Marschböden oder auch Löß sind ja beim Waschen ganz fein und weich, ein bisschen wie Mehl.

Und wie kam es, dass Du das Naturkost Kontor mitgegründet hast?

Ende 1990 gab es mehrere Initiativen, hier in Bremen was auf dem Großmarkt zu machen, ich glaube, Martin hat das damals angestoßen. Entweder über Heino oder über Hermann hab ich dann davon gehört, ich kann mich gar nicht so genau erinnern. Ob ich Lust habe da mitzumachen. Und die anderen waren mir sofort sympathisch, nicht solche Alphatiere.

Martin hat erzählt, dass Du auf den Namen Naturkost Kontor Bremen gekommen bist.

Ja, das stimmt. Ich fand den Namen „Kontor“ schon immer schön und er passt auch gut zur Handels- und Hafenstadt Bremen. Und als wir überlegt haben, wie wir uns nennen, waren die anderen auch gleich begeistert. Ich bin sehr dankbar, dass wir nun 30 Jahre später immer noch dabei sind. Wir haben schon einige Krisen gemeistert und standen schon einige Male vorm Abgrund, aber wir haben es immer wieder geschafft uns zu berappeln. Ich kann mich nicht entsinnen, dass wir uns mal alle richtig gestritten hätten, wir Gesellschafter. Es gab sicherlich mal Differenzen, aber Schweigen im Walde gab es nie, wir konnten immer über alles sprechen. Darauf bin ich schon stolz. Und wir haben Arbeitsplätze für über 60 Menschen in Bremen geschaffen! Es ist für mich auch ein Stück Sicherheit, weil man ja sonst auch eher Lückenfüller ist und als Bauer nie wirklich Gewissheit hat, dass auch jemand die eigene Ware kauft. Das NKK mitgeschaffen zu haben und über die Jahre mitgetragen zu haben erfüllt mich mit Stolz und Dankbarkeit. Ich hoffe, dass es die nächsten Jahre erfolgreich weitergeht.

Und was macht Dir am meisten Spaß?

Am meisten Spaß macht es mir auf den Feldern zu sein. Der Anbau. Wenn ich in meinem Gemüse stehe und es bewässern kann. Die Landwirtschaft und das Bauer sein oder Gärtner sein, das macht mir am meisten Spaß. Dieser ganze Bürokram vergällt es mir eher, da verliert man schon manchmal die Lust. Leider heißt es ja „Im Büro verdient man das meiste Geld“, das finde ich sehr traurig und sehr schade.

Wieviele Landwirte oder Landwirtinnen aus Deiner Gegend haben sich bei Dir mal den Hof angeguckt und daraufhin ihren eigenen Betrieb womöglich sogar umgestellt, weil sie live gesehen haben, dass Bio gut funktioniert?

Gar keine. Niedersachsen ist ja ohnehin Schlusslicht bundesweit was den Bio-Anbau angeht, und ich wage mal zu behaupten, dass Nienburg zusammen mit Vechta, Cloppenburg am unteren Ende ist. Hier in der Gegend gibt es außer mir nur noch einen anderen größeren Biobauern.

Wie erklärst Du Dir das?

In den Berufsschulen und auch im Studium wird sehr stark auf Effizienz, Automatisierung, Technik geschult. Es wird darauf getrimmt, Personal wegzurationalisieren und moderne Maschinen zu haben. Die Jungbauern und Jungbäuerinnen sehen, wieviel mehr Arbeit, wieviel Handarbeit ein Bio-Betreib fordert und wieviel Aufwand dahintersteckt. Ich glaube aber schon, dass sich da einiges tut. Viele Bio-Kolleginnen und Kollegen nutzen mittlerweile Maschinen und Technik, hinzukommt beim Nachwuchs dann aber die Sorge, dass die Ware nicht vermarktet werden kann. Man kann ja nicht auf die konventionellen Vermarktungsstrukturen zurückgreifen. Aber es tut sich auch da was, die alteingesessene Genossenschaft hier bei uns kam jetzt auch auf mich zu und erzählte, dass sie jetzt auch Bio-Getreide vermarkten und Bio-Saatgut über sie zu beziehen ist. Meine größte Sorge ist zurzeit, dass von der Politik jetzt Fördermittel kommen, die dann dazu führen, dass die Preise verfallen.

Gibt es noch ein Wort zum Sonntag, dass Du an unsere NKK-Kundinnen und Kunden richten möchtest?

Ja. Jeder Kauf von Bio-Produkten fördert den Bio-Anbau. Jede Kaufentscheidung trägt ihren Teil dazu bei, wie wir alle leben. Und wenn sich da noch mehr Menschen dafür entscheiden, Bio-Produkte zu kaufen, das würde dazu führen, dass unsere Umwelt wieder gesünder wird.

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