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Gesellschafter Martin Clausen

 

Der Gärtnerhof Sandhausen von Martin Clausen liegt am Rande von Delmenhorst, knapp 20 Autominuten vom NKK entfernt. „Mach doch bloß was vernünftiges!“ schlugen Martin Clausens Eltern die Hände über dem Kopf zusammen, als er ihnen mitteilte, dass er Landwirt werden möchte. Mittlerweile kommen die Kinder, die an unseren NKK-Ausflügen teilnehmen, nach der Führung auf Martins Bauernhof zurück und verkünden ebenfalls „Ich will Bauer werden!“. Martin Clausen beliefert das NKK mit Feingemüse wie z.B. Salaten, Kohlrabi, Tomaten, Auberginen, Rucola und Feldsalat. Er ist nicht nur einer der Gründer, er war auch selbst jahrelang geschäftsführender Gesellschafter des Naturkost Kontors.  

Martin, Du bist in Bremen Blockdiek aufgewachsen und Deine Eltern hatten mit Landwirtschaft nichts zu tun. Wie kam es, dass Du Landwirt geworden bist?

Mein Vater war selbst leidenschaftlicher Imker. Diese Freude hat er mir vererbt, und zum 15. Geburtstag hat er mir zwei Bienenvölker geschenkt. Mitte der 1980er Jahre hatte ich die Bienen in Bremen in einer kleinen Gärtnerei stehen, und als ich da mal nach ihnen guckte, hatte sich die kleine Gruppe, die die Gärtnerei betrieb, zerstritten. Einer war übrig geblieben und der hat mich dann gefragt, ob ich nicht mit einsteigen möchte. Das hab ich dann gemacht. Wir hatten einen Spaten und eine Hacke, kein fließendes Wasser aber Strom, immerhin. Dann haben wir einfach angefangen loszupflanzen. Wir haben niemanden gefragt. Es gab keine Behörde, die uns im Nacken gesessen hat, keine Verwaltung, die uns drangsaliert hat. Dann kam ein paar Monate später Tschernobyl. Dieses Unglück hat viele Menschen dazu bewegt, darüber nachzudenken, was sie eigentlich essen und welche Stoffe sich in diesem Essen wohl anreichern.

Nachdem Du einige Jahre alleine weiter gemacht hattest, bist Du dann mit der Gärtnerei von Bremen Kattenturm nach Delmenhorst Sandhausen umgezogen, richtig?

Ja, das stimmt. Susanne hat unser erstes Kind erwartet und Ende 1991 sind wir umgezogen. Wir hatten das Glück, die Hofstelle am Rande von Delmenhorst kaufen zu können und nicht nur zu pachten. Davor war ich ja seit 1986 schon in Bremen auf dem Wochenmarkt in Bremen Horn. Die Ware zu beschaffen war immer ein Riesenaufwand, jeder fuhr durch die Gegend und suchte sich seine Ware zusammen. Es gab ja einen Großhändler in Hamburg, aber die Bestellvorläufe waren zu lang. Damals hab ich sehr engen Kontakt mit Heino Cordes gehabt und viel Ware von ihm bezogen und natürlich noch von vielen anderen hier bei uns im Umland. Ich erinnere mich noch gut an die Juckelei, ob zu Heino oder zu Stedings oder Kortes. Irgendwann hab ich dann ein paar Leute zusammengetrommelt, um in Bremen einen eigenen Bio Großhandel auf die Beine zu stellen. 1991 haben wir dann das Naturkost Kontor gegründet.

Jetzt bist Du nicht nur Landwirt geworden, sondern hast zusätzlich zum Demeter Hof einen Marktstand in Bremen Horn, die Imkerei, den Hofladen, die Arbeit im Naturkost Kontor, die Mosterei und Deine große Familie.

Und eine Kuhherde hab ich ja auch noch.

Ach ja, stimmt! Woher wusstest Du, dass Du das alles schaffen kannst?

Die Sachen kamen ja nach und nach dazu. Die hab ich ja nicht alle von Anfang an gemacht, das hat sich nach und nach entwickelt. Viele Sachen sind mir einfach so „zugestoßen“, die Rinder zum Beispiel. Acht Wochen nachdem wir auf dem Hof in Sandhausen eingezogen sind, rief mich ein Kollege an: „Du Martin, ich weiß, Du hast `ne Hofstelle gekauft, da ist ja noch Platz im Stall. Ich hab hier zu viel Kühe, ich bring Dir übermorgen welche. Und ich hab ja gesehen, da liegt auch noch Heu.“ Und dann hatten wir plötzlich über Nacht acht junge Galloway Rinder hier stehen. Zwei Wochen später wurde unser erstes Kind geboren. Da war ich dann doch ziemlich überwältigt. „Was hast Du hier bloß angestellt!“ hab ich mich gefragt. Ich war noch nie Trecker gefahren, nirgends war gemäht und es schien mir so viel Fläche und so viel Arbeit zu sein. Ich erinnere mich noch gut an dieses Gefühl der Verzweiflung. Wie sollte ich das jemals alles schaffen! Wir hatten ja auch wahnsinnig viel Schulden gemacht für meine Verhältnisse. Das hat sich dann alles langsam entwickelt über viele Jahre und Jahrzehnte. Ganz sicher glaube ich, dass es nur Zweck hat, Bio Landwirt zu sein, wenn man das aus tiefster Überzeugung macht.

Wann machst Du mal Pause?

Sonntagsnachmittags lieg ich ab und zu mal auf dem Sofa. Danach hab ich dann aber meistens Rückenschmerzen. Arbeit und Leben ist als Landwirt nun mal nicht getrennt. Wir haben unseren Lebensmittelpunkt da, wo wir unseren Arbeitsmittelpunkt haben. Da guckt man nicht auf die Uhr! Was gemacht werden muss, wird gemacht, wie bei allen Landwirtinnen und Landwirten. Die Kunden möchten ja montags frische Ware kaufen, irgendwo muss die ja herkommen. Sonntags gehen wir gegen fünf oder halb sechs los den Salat ernten und dann bringe ich ihn so schnell wie möglich ins NKK.

Um 14 Uhr beginnt sonntags die Kommissionierschicht im NKK die Aufträge zu packen. Bis dahin muss der Salat also geerntet und angeliefert worden sein. Wieviel Arbeit steckt dann schon in Feldsalat, Kopfsalat und Co?  

Naja, wir pflanzen zum Beispiel insgesamt circa 250.000 Feldsalat-Pflänzchen alle einzeln mit der Hand ein, die dann auch alle einzeln mit dem kleinen Messer wieder abgeschnitten werden müssen zur Ernte. „Wir“ das bin ich mit zwei Helfern. Diese Familie kommt aus Polen und seit Jahrzehnten kommen sie immer zu uns. Sie wohnen bei uns auf dem Hof und helfen mit. Und sie kommen auch mit auf meinen neuen Hof, das freut mich schon sehr.

Feldsalat nur zuzubereiten ist schon immer so ein Aufwand. Da kann man sich gut vorstellen, wieviel Arbeit die Ernte ist. Wie läuft das bei den Tomaten?

Jede Woche muss jede Pflanze einmal in die Hand genommen, entgeizt und hochgedreht werden und dann dauert es ja mindestens 10-12 Wochen bis man überhaupt etwas ernten kann. Wir haben um die 18.000 Tomatenpflanzen. Zum Jubiläum hab ich mir überlegt, dass wir drei Sorten Tomaten ins Angebot nehmen könnten, normale runde als günstige Standard-Tomate, Ochsenherz Tomaten und süße kleine Cherry Tomaten.

Apropos Jubiläum. 40 Jahre Bio-Bewegung, 30 Jahre Naturkost Kontor Bremen. Seit Jahrzehnten ist klar, dass wir unseren Planeten über die Maßen strapazieren. Nun muss Dein Demeter Hof einer Schnellstraße weichen, die mitten durch eines der schützenswertesten Naturschutzgebiete Europas führt. Wer hat da jetzt wieder was nicht verstanden?

Das Projekt stammt noch aus der Mitte des letzten Jahrhunderts. Da ist mittlerweile so viel Geld investiert worden, dass sich wohl keiner mehr traut, den Bau noch zu stoppen. Ob es wirklich jemand will, weiß ich nicht. Ich glaube, gerade in den Spitzenpositionen unserer Ministerien haben es die meisten immer noch nicht kapiert, dass der Bau von Schnellstraßen nicht mehr zeitgemäß ist. Es gibt ja Verkehrsprojekte, die machen Sinn. Aber diese Straße geht auf Bremer Seite durch ein Vogelschutzgebiet von landesweiter Bedeutung, das ist ein FFH Gebiet! (Flora-Fauna-Habitat-Gebiet) und da geht dann eine dreispurige Straße durch! Es ist ein Trauerspiel, dass die Bremer Grünen das so mitmachen, sich durch diese Straße noch mehr Autos noch schneller in die Innenstadt zu holen. Die Innenstadt soll doch angeblich autofrei werden! Wer soll denn dann diese Straße nutzen?!

Und der Boden, der sich tausende Jahre entwickelt hat, wird versiegelt und ist endgültig verloren.

Es ist ja auch nicht so, dass es hier keine Straßen gäbe. Es gibt eine Landstraße, da kann man nicht überall 100 km/h fahren, aber es sind ausreichend Straßen da. Wir haben nur wirklich Jahrzehnte lang versucht, gegen diesen Straßenbau anzukämpfen und das ist ganz schön aufreibend, da habe ich keine Lust mehr zu. Und dann standen wir letztes Jahr vor der Entscheidung, ob wir enteignet werden oder ob wir die Flächen noch verkaufen, bevor alles zu spät ist. Wir wollen uns nicht den Rest unseres Lebens mit Enteignungsgerichten rumschlagen. Wir werden also hier noch bis Ende diesen Jahres, maximal noch für die Frühkulturen, in Delmenhorst bleiben und dann müssen wir weg. Mit der Gewissheit hab ich mich dann auf die Suche nach einer neuen Hofstelle gemacht. Gefunden hab ich sie im kleinen Örtchen Riede. Ich hab das Glück gehabt, dort einen Hofbesitzer zu finden, der sich Gedanken gemacht hat, was er mit dem ererbten Betrieb machen soll, den er selbst nicht bewirtschaften kann. Ich suchte einen Hof und hatte durch den Verkauf ein bisschen Geld, er hatte einen Hof und konnte ihn alleine nicht bewirtschaften. Wir haben uns dann entschlossen, eine Stiftung zu gründen. Er gibt den Hof und ich das Kapital in die Stiftung. Dazu kommen im ersten Schritt drei junge Leute, die leidenschaftliche Landwirte und Gärtnerinnen sind und ja als junge Leute auch sonst fast keine Chance haben, einen Hof zu gründen. Dieses Stiftungsmodell sieht vor, dass es für alle Zeiten festgeschrieben ist, dass dieses Land nicht verkauft werden darf und zukünftig immer biologisch bewirtschaftet werden muss.

So ist es der Erbfolge, den Banken und den Landschachereien, die es so gibt, entzogen.

Bei aller Bescheidenheit Martin, Du bist ein echtes Vorbild, nie aufzugeben, oder?

Nein, wirklich nicht, ich bin eher total dankbar, dass ich das Glück habe, das so machen zu können. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, jetzt ohne Hof in die Stadt ziehen zu müssen und da im kleinen Garten vielleicht noch meine Bienen haben zu dürfen. Ich bin auch niemand, der die ganze Zeit unter Menschen sein möchte und Smalltalk halten. Ich freue mich aber schon darauf, nächstes Jahr auf der NKK Jubiläumsfeier alte Weggefährten wiederzutreffen und uns auszutauschen. 30 Jahre NKK, darüber freue ich mich sehr. Ich hab meinen Betrieb und mein Leben immer so geführt, dass ich auf langfristige Beziehungen gesetzt habe. Das hat sich bewährt, auf persönlicher und geschäftlicher Ebene. Ich glaube, wenn man das Verhältnis zwischen Kunde und Großhandel auch so sieht, dass es ein Verhältnis ist, das auf Langfristigkeit und im wahrsten Sinne des Wortes Nachhaltigkeit fruchtbringend für alle angelegt ist, dann ist das der beste Weg. Wenn man mal nicht zufrieden ist, muss man das ansprechen, vielleicht ist der Geschäftspartner ja schon dabei, das Problem zu lösen. Miteinander zu reden ist wichtig, und dabei respektvoll und aufrichtig zu sein. Langfristige, vertrauensvolle Zusammenarbeit. Und wenn dann noch persönlicher Kontakt dabei ist, eine persönliche Ebene, wie beim NKK, dann ist das einfach schön.

 

Direkt zum Hof: www.gärtnerhofsandhausen.de 

 

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